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Das Naumburger Domschatzgew÷lbe

Unterhalb des Kreuzganges des hochberühmten Naumburger Domes (1) befinden sich kalksteingemauerte, tonnengewölbte Lagerräume, die seit 2003 restauriert werden, um herausragende Exponate aus dem reichen Kunstbestand des Domschatzes zugänglich zu machen. Ausgestellt werden sakrale Kunst des 19. Jh., illustrierte Handschriften, Noten und Urkunden, die für das Domstift Naumburg bedeutsam sind, sowie Tafelmalerei und Altarretabeln des Hoch- und Spätmittelalters. Im Verein mit der Baukunst, den Skulpturen und den Kunstwerken des Domes gerät das Domschatzgewölbe zu einer einmaligen Kunstsammlung in Naumburg.

Das Naumburger Domschatzgewölbe ist ein Projekt der Vereinigten Domstifter zu Naumburg und Merseburg und des Kollegiatsstiftes Zeitz.

Um in den ersten Raum des Domschatzgewölbes zu gelangen, schreitet der Besucher eine Treppe hinab und hält inne beim Hinuntergleiten des Geländers mit der Hand. Was er spürt, sind Jakobs Fußabdrücke auf dem Handlauf. Parallelen sind die Treppengeländer beidseitig des Ostchores im Dom. Auch die Tür zum Domschatzgewölbe ist beschlagen mit Bronzen des Hallenser Künstlers Heinrich Apel.

Ins Gewölbe eingetreten, wird umgekehrt chronologisch zunächst die Sammlung des Domherren Immanuel Leberecht von Ampach präsentiert. Die bedeutende Nazarener-Sammlung Ampachs ging nach seinem Tod 1831 testamentarisch in den Besitz des Naumburger Domkapitels über. Sie umfasste ursprünglich neun Gemälde, u.a. von Julius Schnorr von Carolsfeldt, Christian Vogel von Vogelstein und Friedrich Wilhelm Schadow, von denen acht heute noch erhalten sind. Ebenfalls aus dem Amprach-Nachlass stammen zwölf Apostelfiguren aus Gips, für die das Sebaldus-Grab in der Sebalduskirche in Nürnberg als Vorbild diente, sowie ein reich verzierter Kelch und ein Opferstock.

Die Ostwand des zweiten Raumes wird durch das Dreikönigsretabel beherrscht, das sich einst im Zisterzienserkloster Pforte befand. Er datiert um 1510/20. An der Innenseite des Schreins befindet sich die Signatur HANS TOHPHER/MALER und heißt daher Tohpher-Altar. Der Schrein zeigt die Anbetung der Könige. Im Flachrelief ist insbesondere die Reiterausrüstung der Besucher aus dem Morgenland en detail dargestellt, eine Darstellungsweise, die im Spätmittelalter häufiger ist.

Julius von Pflug war der letzte katholische Bischof von Naumburg. Er genoss eine humanistische Ausbildung und war hochgebildet. Das Ölgemälde zeigt sein Portrait und entstand 1564. Es hängt heute direkt gegenüber vom Toepher-Altar; ursprünglich jedoch hatte es seinen Platz im Westchor des Domes unterhalb der berühmten Stifterfiguren. Die Pultvitrine in der Mitte des Raumes zeigt zwei illustrierte liturgische Handschriften aus dem 16. Jh.

Im dritten Raum sind vor allem drei Exponate aus verschiedenen Jahrhunderten kunsthistorisch bedeutsam: Das großformatige Bild „Christus als Weltheiland“ von Lukas Cranach d.Ä. enstand um 1515/16. Christus steht in voller Größe, barfuß, der Körper wie unter der Last der überreichen liturgischen Kleidung leicht gebeugt, in der Linken die Weltkugel, die Rechte zur segnenden Geste erhoben, der Kopf scharf umrissen vor einem goldenen Strahlennimbus. Diese Tafelmalerei hat im Werk des Künstlers sowohl im Format wie auch in der Motivwahl keine Parallelen.

Nebenan führt uns die detailgemäße Darstellung des abgetrennten Kopfes Johannes' des Täufers zurück ins 13. Jh. Sie wurde aus Lindenholz um 1210/20 in Naumburg geschaffen und weist noch Spuren der originalen Fassung auf. Seit Anfang des 16. Jh. ist sie in einer Schüssel zur berühmten Naumburger Johannesschüssel vereinigt. Sie erinnert an die Silberschüssel, in der nach der biblischen Überlieferung Salome der angetrennte Kopf Johannes' des Täufers gereicht wurde. Der Schalenrand ist mit einer Inschrift verziert +MERET(RI)X SVADET · PVELLA SALTAT · REX IVBET · SANCTUS DECOLLATVR (Die Dirne stiftet an, das Mädchen tanzt, der König befiehlt und der Heilige wird enthauptet).

Den kunsthistorischen Höhepunkt dieses Raumes bilden die beiden doppelseitig bemalten Altarflügel von Lukas Cranach d.Ä. (2), die einst zu einem Altarretabel für den Westchor des Doms gehörten, dessen Korpus verloren ist. Der linke Altarflügel zeigt vor einem Goldgrund die qualitätvolle Darstellung der Apostel Philippus und Jacobus d.J. in originaler Farbfassung. Bischof Philipp von Wittelsbach (ein Portrait ebenfalls von Cranach d.Ä. besitzt die Berliner Gemäldesammlung) kniet als Stifter zu Füßen der Apostel mit allen Zeichen seiner Würde. Auf dem rechten ebenfalls goldgrundigen Altarflügel ist der Apostel Jacobus d.J. mit der Pilgermuschel und die Heilige Maria Magdalene dargestellt, wiederum mit einem Stifter zu ihren Füßen, dem in (Kardinals?-)Rot gekleideten Bischof Johannes III. von Schönberg.

Betritt der Besucher den vierten Raum des Domschatzgewölbes, der Kunstwerke des 13. bis 16. Jh. vereinigt, erblick er an prominenter Stelle an der Südwand die Naumburger Pietà (3). Eine von der Trauer gezeichnete Maria hält den toten Christus in den Armen. Solche, wegen der Einbeziehung ins abendliche Stundengebet als Vesperbild bezeichneten Skulpturen sind nicht selten, jedoch weist die Naumburger Figurengruppe einige Besonderheiten auf, wie z.B. der trauernde Gesichtsausdruck der Maria, der noch jede Hoffnung auf die Auferstehung vermissen läßt, der lockere, sockelartige Faltenwurf ihres Gewandes sowie das unbedeckte Haupt Marias. Aufgrund des guten Erhaltungszustandes und der besonderen Ausdruckskraft gehört die um 1310 geschaffene Naumburger Pietà zu den bedeutensten ihrer Art in Deutschland.

Eine der zwei ausgestellten Bischofskrümmen aus Holz mit originaler Fassung stammt aus der Grabtumba des im Ostchor des Domes. Das Grabmal befindet sich offenbar in ursprünglicher Lage über der Krypta. Nicht eindeutig, aber wahrscheinlich ist, dass Bischof Dietrich II. (1243-1272) in diesem Grab seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Die als Dreiviertelskulptur eines Bischofes in vollem Ornat jedenfalls bietet keine Anhaltspunkte für eine eindeutige Zuordnung. Die Grabtumba wurde 1966 geöffnet und der einbalsamierte Leichnam und das gut erhaltene Ornat fotografisch dokumentiert; bei dieser Gelegenheit wurde die Krümme des Bischofsstabes entfernt und dem Domschatz zugefügt.

Die von Bischof Gerhard II. von Goch (1409-1422) über einem älteren Gebäude entsprechenden Patroziniums erbauten Dreikönigskapelle mit der berühmten Skulpturengruppe prägt noch heute das Gesamtensemble der Domanlage. Auf ihren Altar stifftete der Erbauer 1416 das Dreikönigsaltarretabel, das im Domschatzgewölbe ausgestellt ist. Das ausschließlich auf an den Rändern punziertem Goldgrund bemalte Retabel zeigt im Mittelbild die Anbetung der Heiligen Drei Könige. Auf den Altarflügeln sind mit Heiligen- und Prophetendarstellungen dargestellt. Das Dreikönigsretabel vereinigt verschiedene Werkstattstile aus West- und Mitteleuropa.

Abschließend ein Blick an die Decke: Im Gewölbescheitel sitzt der Schlussstein mit dem Brustbild Johannes' des Täufers, der einst das Apsisgewölbe der Johanneskapelle hielt, die sich südlich des Doms befand und 1305 erstmals urkundlich erwähnt wird. Johannes trägt das für Asketen bezeichnende Gewand aus grobem Ziegenhaar und weist auf das Lamm Gottes, ein Bildmotiv, das bei Täuferskulpturen des 13. Jh. ikonografisch regelhaft erscheint.